Der Erzkanadier

 

    Auszug aus Pangnirtung

Herr Mason stand eines Tages nachdenklich am Ufer des Okanagansees. Während er in Gedanken die vergangenen Jahre überflog, füllte sich sein Herz mit reinem Wohlwollen, nicht bloß für die Gemeinde, sondern auch für sich selbst. Am liebsten hätte er einen lauten Juchzer über das Wasser geschickt, aber er zügelte sich noch rechtzeitig. Trotzdem blickte er  verstohlen um sich, aus Furcht, daß vielleicht ein Spaziergänger seine Absicht wahrgenommen hätte. Es wäre ihm äußerst peinlich gewesen. Nur an so etwas denken verursachte dem Bürgermeister ein stechendes Unbehagen. Solch überschwengliche Ergüsse geziemten sich nicht für einen echten Kanadier, welcher dazu noch das Amt eines Bürgermeisters bekleidete. Nur Ausländer sind zu solchen Ausbrüchen fähig, brummte er vor sich hin.

Dann sah er ihn! Frank Mason blieb erstmal wie angewurzelt stehen, prallte dann einige Schritte zurück, wonach er hinter dem nächsten Baum verschwand.

„Zeit gewinnen, ruhig bleiben,“ murmelte er dabei vor sich hin.

Während er sich die Augen rieb, schaute er vorsichtig nach allen Seiten, dann schob er den Kopf sachte, oh, so sachte, hinter dem Baum hervor. Als er den Mann abermals sah, mußte er mit heller Gewalt seinen Gefühlen Zügel anlegen. Es war kein anderer, er war es, den Quadratschädel hätte er hinter zehn Hecken erkannt. Wie gebannt schaute er zu wie er anfing Steine über das Wasser zu schirken. Speckschneiden nannte es der vermaledeite Schwabe. Ohne Zweifel, es war kein anderer, ja, vor ihm hupfte Ludwig Schimpel herum, wie immer zu allerlei Plänkeleien aufgelegt.

Fast unwiderstehlich rempelte ihn die Versuchung an mit wilden Sätzen in das nah gelegene Gebüsch zu flüchten, um dort in der Sicherheit der Saskatoonsträucher die wüsten Eindrücke zu ordnen. Aber noch eh er einen Anlauf nahm, zügelte er rechtzeitig das Verlangen, denn ihm schwante nichts Gutes. Erstens konnte es die Aufmerksamkeit Schimpels auf ihn lenken, weiterhin wäre es möglich, daß ein Hiesiger solche Bocksprünge verkehrt auslegen könnte. Schließlich war er der Bürgermeister der Stadt, dazu noch hoch angesehen. Nein, keinerlei Aufmerksamkeit durfte auf ihn fallen, ein Aufsehen mußte unbedingt vermieden werden.

Ludwig Schimpel hatte inzwischen aufgehört Steine zu schirken. Er reckte sich eine Weile, wonach sein Blick in alle Richtungen wanderte. Auch den Himmel tasteten seine blauen Augen ab. Oh, wie gut sich Mason an diese blitzenden Augen erinnerte, worin zumeist alle Schelme der Welt einen ausgelassenen Reigen tanzten. Wie oftmals, wenn er todmüde, ausgebrannt von der stechenden Sonne über den weiten Feldern Tillsonburgs, bereit war aufzugeben, genügte ein Blick in die lachenden, freuderfüllten Augen seines Freundes, um den Staub vom Herzen zu fächeln und die Lähmung aus allen Gliedern zu lösen. Ein Schluck Wasser, zwei, drei Scherzworte, weiter ging es mit gebeugten Knien an die raschelnden Tabakstauden.

Der Mann in seinen Erinnerungen begann inzwischen im Sand hin und her zu laufen, vielmehr zu schlendern. Als er sich dabei dem Baum näherte, hinter welchem Mason schützend stand,  wurde es dem Bürgermeister so recht schwindlig im Kopf sowie hohl im Leib. Zum Glück kehrte seine entwichene Geistesgegenwart wieder zurück. Sofort schmiegte er sich enger an die Rinde des riesigen Ahornbaums, bereit je nach Not rundrum zu schleichen. Die lose Windjacke hatte er sich schon längst über den Kopf gezogen, weshalb eine Erkennung ausgeschlossen war.

Plötzlich verhielt Schimpel seinen Schritt. Er schien zu überlegen, indessen seine Augen die Hütten über der Straße abtasteten. Etwas schien seine Aufmerksamkeit dort erweckt zu haben, was dem Bürgermeister mehr als gelegen kam, weil diese Hütten etwas entfernt standen, gegenüber seinem Versteck.

Als Schimpel begann seine Schritte dorthin zu lenken, atmete Frank Mason erleichtert auf, er war vorläufig gerettet. 

„Zeit gewinnen, ruhig bleiben,“ stieß er abermals zwischen den Zähnen hervor.

Zum Glück hielt sich niemand am Strand auf, ebenso wenig wie im angrenzenden Park. Was Mason veranlaßte Schimpel zu folgen, hätte er nicht sagen können, aber etwas unerklärliches zog ihn an. Mit gespielter Gleichgültigkeit, in einer Art Schlenderschritt, folgte er in angemessenem Abstand. Hinter jedem Baum hielt er an um wie versunken die Umgebung zu betrachten. Er hoffte damit einen zufälligen Beobachter zu täuschen und eine Einmischung zu erschweren. Sogar ein Bürgermeister hat ein Recht mal ungestört zu bleiben.

Halb seitwärts, damit er unerkannt blieb, sollte sich Schimpel unverhofft umdrehen, folgte er ihm bis er in einer der Hütten verschwand. Mason merkte sich die Hausnummer, er wiederholte sie leise bis die Zahl in seinem Gedächtnis haften blieb. Dann entfernte er sich mit hastigen Schritten, wobei er weder links noch rechts schaute. Die Grüße der Leute die ihm begegneten nicht beachtend, eilte er mit bleichem Gesicht und schlotternden Gliedern seinem Haus entgegen. Er pries den Himmel für die Abwesenheit seiner Frau, in welcher ein geneigtes Schicksal eine plötzliche Sehnsucht nach ihren Eltern erweckt hatte, die weit entfernt in Saskatoon wohnten.

Zuhause angekommen, verriegelte er sorgfältig alle Türen und warf sich dann ächzend in einen Sessel. Nachdem er sich mit einigen kräftigen Schlucken aus der Flasche gestärkt hatte, ließ er die Gedanken auf sich einstürmen. Wie und warum kam Ludwig Schimpel nach Clifton, wehten ihn die Winde des Zufalls vor seine Schwelle oder suchte er nach ihm? Schon der Name allein erweckte einen bodenlosen Schrecken in Mason, erinnerte er doch an seine Vergangenheit, die er glaubte unwiderruflich sowie tief unter dem Fluß der Vergessenheit vergraben zu haben. Der Mann in der Hütte, im Schatten der Ponderosatannen, hielt sein Geschick in den Händen. Kam er in Frieden, kam er in Streit, gedachte er zu bleiben oder war er morgen wieder fort? Gewißheit über sein Vorhaben mußte verschafft werden, noch heute, denn morgen könnte es zu spät sein. Heute war sein freier Tag, keine Amtstreffen standen an der Tagesordnung.

Herr Mason stand auf. Unsicher, was das Schicksal mit ihm vorhat, lief er erregt hin und her. Streckte es seine Fänge aus um ihn vom eben erklommenen Kamm des Ruhms zu zerren oder wollte es ihm bloß einen Wink geben, einen Rat,  seine Vergangenheit der Gegenwart einzuordnen? Zwanzig Jahre lang hatte Frank Mason mit zäher Ausdauer und großer Mühe seine Spuren verwischt; mit Erfolg, doch freilich nur bis jetzt.

Es war weder einfach noch angenehm gewesen, ja, zuweilen sogar gefährlich, vor allem in den ersten zehn Jahren. Obwohl er seinen Namen gesetzlich ändern ließ, dazu die Gepflogenheiten der Einheimischen mit einer Verbissenheit nachahmte, welches ihm so manchen rüden Verweis erntete, nahm die Umgestaltung ungebührlich viel Zeit in Anspruch.